Zenabas Geschichte
Aufgezeichnet von Claudia Leimgruber-Neukom, ehem. Hebamme im Distrikt Adré/Tschad und Mitbegründerin von whi.
Seit Stunden ist ihr Bauch still, totenstill. Das Kind spürt sie nicht mehr - sie, Zenaba*, eine junge Frau aus dem Sudan. Sie war voller Kraft und Lebensfreude, doch seit dem Tag, als stechende Schmerzen ihren Körper durchfuhren und die Geburt ihres ersten Kindes ankündigten, hat sich alles verändert.
In den vergangenen Tagen ging sie in der kleinen Rundhütte aus Stroh auf und ab und verharrte still, wenn eine Wehe sie erfasste. Sie krümmte sich unter der Kraft der Schmerzen. Ihr Atem ging stossweise, Schweissperlen rannen an ihrem Körper herunter. Doch nun ist die Flut der Schmerzen verebbt und hat ihr alle Kraft genommen.
Es ist Regenzeit und stickig in der Hütte. Die heftigen Regenschauer bringen etwas Kühlung. In dieser Jahreszeit bestellen die Bauern ihre Felder. Auch Zenabas Mutter und ihre Geschwister sind im Busch, wo sie jäten und kochen und auch schlafen. So ist einzig die Grossmutter bei Zenaba. Sie gibt ihr ab und zu Medide, ein leichtes Hirsegetränk.
Niemand freut sich, dass Zenaba ein Kind erwartet. Sie ist weder verlobt noch verheiratet, und den Namen des Vaters gibt sie nicht preis. Die alte Frau, die ihr beisteht, kann ihr auch nicht helfen. Zenaba spürt, dass das Kind sehr tief liegt, aber die Kraft reicht nicht mehr aus, um es endgültig rausschieben zu können. Nun liegt sie da, seit Stunden oder Tagen, und in ihrem Bauch ist es still, totenstill.
Begegnung mit Zenaba
Spät abends werde ich ins Spital gerufen. Als ich die schwere Eingangstüre zum kleinen Gebärzimmer öffne, sehe ich eine junge Frau, die schweissgebadet auf dem alten Gebärbett liegt. Es ist meine erste Begegnung mit Zenaba.
Zenaba musste etliche Tage gelitten haben. Sie ist ein Bild der Erschöpfung. Ihre Gebärmutter zeigt keine Wehentätigkeit mehr. Obwohl die dunklen Haare des Kindes schon sichtbar sind, kommt jede Hilfe für das Kleine zu spät. Mit einem Handvakuum ziehe ich das tote Kind heraus. Die Plazenta muss manuell geholt werden, da sich die Nabelschnur aufzulösen scheint. Nach dieser immensen Anstrengung legt sich eine grosse Müdigkeit auf Zenabas Gesicht. Sie braucht nun Zeit, um sich körperlich und emotional zu erholen.
Ein neues Leiden
In den folgenden Tagen stellt sich jedoch heraus, dass die schwere Geburt ihr nicht nur das Kind genommen, sondern ein neues, schreckliches Leiden gebracht hat. Sie muss erleben, wie sie ihren Urin nicht mehr kontrollieren kann. Er fliesst unaufhaltsam...und manchmal kommt auch Stuhl hinzu. Sie bleibt viele Tage im Spital, aber es stellt sich keine Besserung ein. Ich erkläre ihr, dass der tagelange Druck des Kopfes ihres Kindes während der Geburt das Gewebe ihrer Scheide und der Blase sowie des Darms zerstört hat. Schrecklich ist für sie die Vorstellung, unter diesen Umständen heimzukehren.
Als es jedoch soweit ist, verlässt die junge, magere Frau das Spitalareal in aufrechter Haltung, den Rücken gerade und ein Bündel auf dem Kopf balancierend. Niemand vermutet an ihrem Gang, dass in ihr noch eine grosse Wunde ist. Eigentlich hätte sie zur Erholung noch länger im Spital bleiben müssen, doch da warten die Felder, die reif für die Ernte sind.
Ausgeschlossen
Aber Zenaba ist oft zu schwach für solch harte Arbeit. Sie wird immer wieder von Fieber geschüttelt. Infektionen stellen sich ein. Der Urin durchtränkt stetig die Kleider und verbreitet einen üblen Geruch. Mit alten Lumpen versucht sie ihn aufzufangen. Das Wasser ist zu knapp, um sich häufig zu waschen, und für neue Kleider reicht das Geld nicht aus. Sie spürt, wie die Menschen sich von ihr distanzieren, wie sie kaum mehr mit Freundinnen auf einer Matte zusammen sein kann, da sie überall eine stinkende Pfütze hinterlässt. Oft sitzt sie traurig auf einem Sack vor ihrer Hütte, allein und geschüttelt von dieser Krankheit.
Zweimal missglückt der Versuch, die Fistel operativ in Adré zu verschliessen. Als nach zwei Jahren Leidenszeit auch die eingeflogenen Spezialisten aus Addis Abeba eine Operation in Adré an ihr ablehnen, zerschlagen sich ihre Hoffnungen auf Heilung vollends.
Heilung und Hoffnung für andere
Unser Kontakt zu Zenaba ist seit der Geburt nie abgebrochen. Nebst der medizinischen Betreuung haben wir uns gegenseitg besucht. So haben wir sie und ihre Familie näher kennengelernt. Ihr Leiden steht für die Leiden der vielen anderen Frauen mit Blasen-Scheidenfisteln, die wir im Tschad angetroffen haben. Wir können nicht wegblicken und entscheiden uns, mit ihr nach Addis Abeba (Äthiopien) zu fliegen, um sie dort im Fistula Hospital untersuchen und falls möglich operieren zu lassen.
Als Zenaba von dieser Möglichkeit hört, ist sie sofort bereit, ihre Familie, ihr Dorf zu verlassen und an einen ihr völlig fremden Ort zu gehen. Nichts hält sie zurück. Mutig fährt sie tausend Kilometer mit uns durchs Land, besteigt erstmals ein Flugzeug und lebt sich in den folgenden Wochen im Fistula Hospital in Addis Abeba ein. Wir verlassen sie nach fünf Tagen, um in die Schweiz zurückzukehren. Sie bleibt mehrere Monate in Äthiopien und wird dreimal operiert, gepflegt und schlussendlich nach knapp einem halben Jahr geheilt aus dem Spital entlassen. Sie hatte eine so komplizierte Fistel, dass bei ihrer Rückkehr in den Tschad eine gewisse Urininkontinenz bestehen bleibt. Im Spital wurde Zenaba im Beckenbodentraining angeleitet, damit sie die Urinkontrolle verbessern kann. Von der Stuhlinkontinenz ist sie vollständig geheilt.
Die letzten Neuigkeiten, die wir von ihr vernommen haben, sind, dass sie sich in der Pflege und Betreuung von operierten Frauen mit Fisteln engagiert. Denn dies hat sie in den Monaten, die sie in Addis verbracht hatte, gelernt. Ihre eigene, durchlebte Leidensgeschichte macht sie fähig, den betroffenen Frauen in besonderem Masse beizustehen und Verständnis für ihre Situation aufzubringen. Zenabas zurückgewonnene Würde und Selbstachtung lässt in den Frauen mit Fisteln Hoffnung und Mut auf ein neues Leben aufkeimen.
*Name geändert
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