Anfang Mai 2017 war Dr. Mulu Muleta zu Besuch in der Schweiz. Für ein Gespräch setzten wir uns im WHI-Büro zusammen, bevor wir uns auf den Weg zu einem Vortrag in Langenthal machten, wo Dr. Muleta von ihrer Arbeit als Fistelchirurgin berichtete.

Wie man Fistelchirurgin wird

Eigentlich wollte Dr. Mulu Muleta immer Pflegefachfrau werden. Als ihre Mutter einmal im Spital war, war sie stark beeindruckt von der Arbeit, die das Pflegepersonal leistete – viel mehr als von den Ärzten: „Die Ärzte kamen nur kurz vorbei, sagten etwas und gingen wieder. Die Pflegefachfrauen waren die ganze Zeit da und kümmerten sich um die Patienten. Deshalb dachte ich, ich werde Pflegefachfrau, dann kann ich anderen Menschen helfen“.
Heute hilft Dr. Mulu Muleta tausenden von Frauen. Sie ist eine der renommiertesten Fistelchirurginnen Äthiopiens und Projektkoordinatorin  unseres Projektpartners WAHA International in Assella. WHI finanziert dort seit 2015 die Operationen von Frauen mit Geburtsfisteln.

"Wenn du einmal mit Patientinnen mit Fisteln gearbeitet hast, gibt es kein Zurück!"
Bereits als Studentin arbeitete Dr. Muleta mit Frauen mit Geburtsfisteln, als sie ein Training am Hamlin Fistula Hospital absolvierte. „Wenn du einmal mit Patientinnen mit Fisteln gearbeitet hast, gibt es kein Zurück mehr“, meint Muleta. Mitanzusehen, wie diese Frauen leiden, wie fest sie sich für ihren Zustand schämen sei unerträglich. Als Muleta während ihrer Ausbildung sah, dass durch eine Operation – „einfach indem man das Loch schliesst“ – das Leiden dieser Frauen beendet werden konnte, war sie von dieser Arbeit so eingenommen, dass sie nach Abschluss ihres Studiums ans Hamlin Spital zurückkehrte, um Fistelchirurgin zu werden.

Hoffnungsträgerin für Betroffene
Für ihre Patientinnen ist Dr. Muleta die Frau, die ihnen ein neues Leben schenken kann. Dementsprechend sind auch die Erwartungen an sie sehr hoch. Die seelische Belastung für die Betroffenen, wenn eine Operation nicht das gewünschte Resultat bringt, ist enorm. Aber auch aus medizinischer Sicht trägt Muleta eine sehr grosse Verantwortung: „Wir wissen, dass die erste Operation entscheidend ist. Wenn die erste Operation schief geht, ist die Chance, dass die zweite oder dritte erfolgreich ist, sehr gering“. Muleta operiert die komplexen Fälle deshalb immer selber und überlässt den angehenden Chirurg*innen die einfacheren Operationen. „Wenn die Operation schief geht, ruinierst du das Leben der Patientin“, so Muleta.
Der Druck ist auch deshalb so gross, weil die Patientinnen oft noch ihr ganzes Leben vor sich haben. Eine Betroffene ist typischerweise jung, arm, wenig gebildet und kommt aus einer abgelegenen Gegend. Die jungen Frauen sind oft aufgrund harter körperlicher Arbeit und schlechter Ernährung klein gewachsen und haben ein dementsprechend schmales Becken. Für junge oder kleingewachsene Frauen  birgt eine Schwangerschaft ein sehr hohes Risiko. Das Becken ist zu schmal für den kindlichen Kopf. Die Folgen sind eine verlängerte Geburt oder ein Geburtsstillstand; ohne notfallmedizinische Behandlung führt dies wiederum in vielen Fällen zu Geburtsfisteln.

Geburtsfisteln auf der politischen Agenda
Im Jahr 2014 stellte Dr. Muleta an einer Gynäkologenkonferenz in Äthiopien ein Konzept zur Eliminierung von Geburtsfisteln vor, welches die äthiopische Regierung übernahm, um eine Vorlage zu erarbeiten. Das Ziel der Regierung ist nun, mit Hilfe einer Arbeitsgruppe Geburtsfisteln bis 2020 zu eliminieren. „Das Ziel ist sehr ambitioniert, aber wichtig ist, dass die Regierung eine Richtung vorgegeben und Geburtsfisteln auf die politische Agenda gesetzt hat“, so Muleta.
Und tatsächlich wird bereits viel gemacht. So wurde die Identifikation und Registrierung von Frauen mit Geburtsfisteln in Impfkampagnen eingebunden. Ein Fokus liegt zudem auf der Ausbildung von Hebammen. In Äthiopien gibt es immer noch nicht genug Hebammen, „aber immerhin können wir mittlerweile bis zu drei Hebammen pro Gesundheitszentrum verzeichnen – früher war es durchschnittlich nicht einmal eine. Und wir wissen, dass wir die Müttersterblichkeit mit der Ausbildung von Hebammen erfolgreich und nachhaltig bekämpfen können“, meint Dr. Muleta.

Präventionsarbeit über das Radio
Auch das Fistelzentrum in Assella, das von WHI unterstützt wird und in dem Dr. Muleta arbeitet, hat Identifikations- und Präventionsmassnahmen ergriffen. So werden Frauen in dem Gemeinden und in den Gesundheitszentren von einer Mitarbeiterin über die Risiken einer Hausgeburt aufgeklärt und ermutigt, für die Geburt ein Gesundheitszentrum aufzusuchen. Über das Radio wird verbreitet, dass sich Frauen mit Geburtsfisteln kostenlos behandeln lassen können. Auch wird über das Radio vor Hausgeburten gewarnt, „wir verbreiten eine sehr einfach verständliche Botschaft: eine gebärende Frau sollte niemals die Sonne zweimal aufgehen sehen“. So wird der Bevölkerung vermittelt, dass wenn eine Geburt länger als 24 Stunden dauert, irgendetwas nicht stimmt und die Frau dringend ins Spital muss. Solche Schlüsselnachrichten werden kontinuierlich verbreitet und es kommen tatsächlich Patientinnen ins Fistelzentrum, weil sie am Radio davon gehört haben: „ich erinnere mich an eine Frau, die nach 17 Jahren mit einer Geburtsfistel dank dem Radio zu uns gefunden hat; sie hatte bis dahin nicht gewusst, dass Geburtsfisteln geheilt werden können“.

Operations-Pate/in werden

Ermöglichen auch Sie die Heilung einer Betroffenen!

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