SRF-Journalisten Mitja Rietbrock reiste nach Kabul, Afghanistan, um für die Sendung "mitenand" einen Beitrag über das von WHI unterstützte Fistelzentrum zu drehen. Im Interview erzählt er von seinen Eindrücken aus dem asiatischen Land.

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Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Afghanistan ist nicht Belgien oder Italien, auch wenn ich über eine gewisse Erfahrung in verschiedenen Kulturkreisen und nicht ungefährlichen Ländern verfüge, habe ich mich dennoch ein wenig eingelesen («Kulturschock Afghanistan» von Susanne Thiel und «Afghanische Reise» von Roger Willemsen). Auf das Thema des Fernsehbeitrags bezogen habe ich mich in die Thematik der Geburtsfisteln eingearbeitet, sie war mir vorher gänzlich unbekannt, obwohl ich aus einer Ärztefamilie stamme und medizinische Themen bei uns an der Tagesordnung waren...
Ach ja, und ich habe mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Bart wachsen lassen (lacht).

Afghanistan ist ein Land, das immer mal wieder in den Schlagzeilen steht: Was für Gedanken gingen Ihnen vor dem Besuch durch den Kopf?

Aufgrund der schlechten Sicherheitslage war ich sehr angespannt. Wer ist mein Freund, wem werde ich trauen können, wem nicht? Meine Familie und Freunde haben mich fast ausnahmslos für die Entscheidung, als zweifacher Familienvater nach Afghanistan zu gehen, kritisiert. Die Tatsache, dass mich mein Kontakt dann vor Ort direkt am Flughafen in Landestracht neu eingekleidet hat (inklusive lokaler Sonnenbrille) hat das Gefühl, als Westler bei einem Teil der Bevölkerung nicht willkommen zu sein, noch verstärkt.

Was haben Sie erwartet? Was war unerwartet?

Ich habe wie bei allen meinen Reisen versucht, möglichst wenig zu erwarten. Sehr überrascht war ich vor allem von zwei Dingen: Dass ein Teil der Menschen dort aussieht wie ich (blond, blaue Augen) und von der grossen Gastfreundschaft und Herzlichkeit des grössten Teils der Menschen, die ich vor Ort getroffen habe.

Was für einen Eindruck machte das CURE Spital auf Sie?

Alle Mitarbeitenden schienen mir extrem motiviert, trotz eines grossen Risikos, im Cure Spital zu arbeiten (Anschlag vor einigen Monaten). Alle wirkten auf mich nicht nur fachlich sehr kompetent, sondern darüber hinaus auch menschlich sehr engagiert. Ich habe Menschen gesehen, die Ihre Verwandten zu Fuss auf dem Rücken bis zum Spital trugen, bei der Bevölkerung scheint mir das Spital einen ebenfalls exzellenten Ruf zu besitzen.
 
Wie hat sich Ihr Blick auf Afghanistan durch Ihren Besuch verändert/nicht verändert?

Durch viele Gespräche vor Ort ist mir bewusst geworden, dass es für ein Land wie Afghanistan aufgrund seiner Gesellschaftsstruktur und der Entwicklung der letzten sagen wir 2-300 Jahre sicherlich keine «schnelle Lösung» geben kann. Einerseits sind Dinge wie die gesellschaftliche und soziale Gleichberechtigung von Mann und Frau und Meinungsfreiheit nicht verhandelbar, andererseits habe ich aber auch einmal mehr gesehen, dass in einem Land wie Afghanistan Werte, die in meinen Augen bei uns zu kurz kommen (Familie, Gastfreundschaft, Verbindlichkeit...) einen wesentlich höheren Stellenwert besitzen, als bei uns. Es ist wie so oft im Leben, nicht alles ist schlecht, nicht alles ist gut (lacht).
   

Die SRF-Sendung "mitenand" wird am 7. Januar um 19.20 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt. Schalten Sie ein!