Eine alte Frau sitzt auf einer Treppe, daneben sitzen drei Mädchen.
Wollen nicht aufgeben: Mädchen und Frauen aus Afghanistan.
© Nava Jamshidi/WHI/Fairpicture

Vor fünf Jahren übernahmen die Taliban erneut die Macht in Afghanistan. Seither haben sie ihren Herrschaftsapparat systematisch ausgebaut. Dahinter steht eine Strategie: Widerstand – insbesondere von Frauen – soll bereits im Keim erstickt werden.

Veröffentlicht am 15. August 2026

Für afghanische Mädchen schliesst sich mit zwölf Jahren das Schultor – meist für immer. Die Taliban verbieten Mädchen ab der sechsten Klasse den Unterricht. Afghanistan ist weltweit das einzige Land mit einem solchen Verbot – mit drastischen Folgen: «Der Schulbesuch war für viele Familien ein Grund, ihre Töchter noch nicht zu verheiraten. Fällt die Schule weg, steigt das Risiko einer frühen Heirat deutlich», sagt Parisa H., Mitarbeiterin unserer lokalen Partnerorganisation.

Ist eine Ehe einmal geschlossen, haben Mädchen kaum eine Möglichkeit, sich scheiden zu lassen. «Sie sind ihr Leben lang von ihrem Ehemann und dessen Familie abhängig – ob sie gut behandelt werden oder nicht, ist reine Glückssache.»

Ein Mädchen steht an einem Fluss und hält ein Tuch über den Kopf.
Ungewisse Zukunft: Mädchen in Afghanistan.
© Nava Jamshidi/WHI/Fairpicture

Legalisierte Grausamkeit

Tatsächlich nehmen Kinderheiraten unter den Taliban wieder zu. Ein kürzlich erlassenes Dekret erlaubt es Vätern, ihre Töchter bereits vor der Pubertät zu verheiraten. Es ist nur eine von zahlreichen Verordnungen, mit denen die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen systematisch einschränken und sie zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängen. Auch Gewalt gegen Frauen und Mädchen – als «Züchtigung» bezeichnet – ist inzwischen gesetzlich erlaubt.
 

Diese Gesetze zeigen, wie sich die Herrschaft der Taliban verändert hat: Seit August 2021 haben sie ihre Macht Schritt für Schritt gefestigt. Was anfangs vor allem auf Gewalt und Willkür beruhte, ist heute ein System, das Unterdrückung gesetzlich verankert.

Zerstörte Hoffnung

Die Strategie der Taliban ist klar: Indem sie Mädchen von Bildung und Frauen vom Arbeitsmarkt ausschliessen, verhindern sie deren intellektuelle Entwicklung und wirtschaftliche Unabhängigkeit. So werden die Voraussetzungen für organisierten Widerstand zerstört und bestehende Machtstrukturen gefestigt. Gleichzeitig entbindet das gesetzlich verankerte Schulverbot den Staat von der Pflicht, Bildungsangebote für Mädchen bereitzustellen.
 

«Die Taliban haben Angst vor gebildeten Frauen», sagt Parisa H. In den zwanzig Jahren, in denen sie nicht an der Macht waren, hätten die Taliban erlebt, welchen Einfluss Frauen durch Bildung gewinnen können. «Gebildete Mütter sprechen besonders kritisch mit ihren Söhnen und Ehemännern. Das ist für die Taliban brandgefährlich.»

Mädchen und Frauen waschen in einem Fluss Kochtöpfe.
Ihr Platz ist für die Taliban klar: Afghanische Mädchen und Frauen bei der Hausarbeit.
© Nava Jamshidi/WHI/Fairpicture

Patriarchale Rollenbilder seien in Afghanistan zwar seit Langem tief verankert. Doch vor der erneuten Machtübernahme hätten Frauen zumindest vereinzelt rechtlichen Schutz erfahren. «Früher hatten wir Hoffnung. Wir glaubten, dass es sich lohnt, gegen gesellschaftliche Normen und, wenn nötig, gegen die eigene Familie und für ein selbstbestimmtes Leben zu kämpfen. Heute legitimiert sogar die Gesetzgebung die Unterdrückung von Frauen.»

Humanitäre Notlage – und eine zögerliche internationale Gemeinschaft

Die Unterdrückung vollzieht sich vor dem Hintergrund einer schweren humanitären Krise. Eine schwächelnde Wirtschaft, der Rückgang internationaler Hilfsgelder und der eskalierende Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan haben dazu geführt, dass in Afghanistan inzwischen rund 23 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Die militärische Eskalation zwischen den USA und dem Iran sowie die anhaltenden Spannungen mit Pakistan haben wichtige Handelsrouten beeinträchtigt und Afghanistan weitgehend vom internationalen Handel abgeschnitten. Dadurch verschärft sich aufgrund stark ansteigender Preise die ohnehin dramatische humanitäre Not – mit besonders schwerwiegenden Folgen für Frauen und Mädchen.
 

Armut beispielsweise treibt auch Kinderehen voran. «Viele Familien verheiraten oder verkaufen ihre Töchter aus purer finanzieller Not», sagt Parisa H. Weniger Armut bedeute auch weniger Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Parisa H. wünscht sich von der internationalen Gemeinschaft daher mehr humanitäres Engagement und vor allem politischen Druck. «Afghanistan kann ohne Beziehungen zu anderen Staaten nicht existieren. Diese sollten ihre Position nutzen, um Druck auf die Taliban auszuüben.»

Mädchen laufen einer Mauer entlang und tragen Schüsseln auf dem Kopf.
Von Kinderheirat bedroht: Mädchen in Afghanistan.
© Nava Jamshidi/WHI/Fairpicture

Derzeit deutet jedoch wenig darauf hin. Im Juni empfingen Vertreter der Europäischen Union Taliban-Vertreter in Brüssel – trotz fehlender Anerkennung durch die EU. Menschenrechtsorganisationen kritisieren diesen Besuch, der primär den Austausch über die Rückführung von abgewiesenen afghanischen Asylsuchenden zum Ziel gehabt haben soll.
 

Während die internationale Gemeinschaft um einen Umgang mit den Taliban ringt, festigt das Regime seine Unterdrückungspolitik weiter. Für Millionen afghanischer Frauen und Mädchen bedeutet das, dass ihre Entrechtung zunehmend gesetzlich verankert wird – und Widerstand immer aussichtsloser erscheint.

Unsere Arbeit in Afghanistan

Wir unterstützen in Afghanistan rund 100 Selbsthilfegruppen, in denen sich etwa 2000 Frauen regelmässig treffen. Dort stärken sie sich gegenseitig, entwickeln gemeinsam Strategien für ihren Alltag unter den Taliban und erwerben handwerkliche Fähigkeiten, mit denen sie ein eigenes Einkommen erzielen können. Wir unterstützen die Gruppen organisatorisch und finanzieren die Löhne der lokalen Projektmitarbeitenden. Um die existenzielle Not der Teilnehmerinnen zu lindern, verteilen wir zudem Lebensmittelpakete mit Mehl, Öl und Reis.
 

Die Taliban dulden dieses Engagement derzeit, weil es die wirtschaftliche Lage der Frauen und ihrer Familien verbessert. Gleichzeitig bieten die Selbsthilfegruppen einen geschützten Raum, in dem Frauen auch über sensible Themen sprechen können. Der Schutz aller Beteiligten hat dabei oberste Priorität.

Wir schlagen Alarm!
Keine Frau sollte sterben, während sie Leben gibt.