Geflüchtete Menschen an einer Wasserstelle im Tschad.
© Kevin Doumdedje/WHI

Was kann internationale Zusammenarbeit in fragilen Kontexten bewirken – und wo liegen ihre Grenzen? Forschung und Erfahrungen aus dem Tschad zeigen, warum langfristige Zusammenarbeit und lokale Partner entscheidend sind.

Veröffentlicht am 22. Oktober 2026

Armut, Konflikte und politische Instabilität erschweren den Zugang zu medizinischer Versorgung und gefährden das Leben von Frauen und Kindern. Gerade in solchen Situationen wird die Wirkung internationaler Zusammenarbeit oft infrage gestellt. Doch auch unter schwierigen Bedingungen kann sie viel bewirken – wenn sie langfristig angelegt ist, lokale Strukturen stärkt und sich an veränderte Umstände anpasst.

Was wirkt – und was nicht?

Forschung sowie Erkenntnisse der OECD und der Weltbank zeigen: Internationale Zusammenarbeit kann das Leben von Menschen auch in fragilen Kontexten nachweislich verbessern. Besonders wirksam ist sie, wenn sie den Alltag unmittelbar stärkt – etwa durch bessere Gesundheitsversorgung, Bildung oder Ernährungssicherheit.
 

Gleichzeitig braucht es realistische Erwartungen: Tiefgreifende politische Veränderungen wie Demokratie, funktionierende staatliche Institutionen oder dauerhafter Frieden lassen sich nur schwer von aussen anstossen.
 

Wir nehmen vier verbreitete Mythen genauer unter die Lupe und zeigen auf, was die Forschung dazu sagt.

Mythos 1: In Krisen ist Nothilfe wichtiger als Entwicklungszusammenarbeit

Humanitäre Hilfe ist in akuten Krisen unverzichtbar. Doch auch dann bleiben langfristige Entwicklung und lokale Strukturen entscheidend. Entwicklungszusammenarbeit muss flexibel auf veränderte Bedingungen reagieren können. Nothilfe und langfristige Zusammenarbeit ergänzen sich: Die eine lindert akute Not, die andere schafft Voraussetzungen für nachhaltige Unterstützung.

Mythos 2: Entwicklungsgelder stärken vor allem autoritäre Regierungen

Diese Gefahr besteht, wenn Gelder direkt über staatliche Strukturen fliessen. Deshalb muss in fragilen Kontexten besonders sorgfältig geprüft werden, über welche Strukturen Projekte umgesetzt werden und welche politischen Auswirkungen die Unterstützung hat. Lokale Organisationen und zivilgesellschaftliche Akteure sind daher oft besonders wichtige Partner.

Mythos 3: Internationale Organisationen sollten vor Ort die Führung für Projekte übernehmen

Internationale Organisationen sollten lokale Partner immer stärken, statt sie zu ersetzen. Die Partner kennen die Bedürfnisse der Menschen, verfügen über gewachsene Netzwerke und geniessen das Vertrauen der Gemeinschaften. Gerade in Krisen ist diese lokale Verankerung entscheidend, um schnell und gezielt handeln zu können.

Mythos 4: In Krisen zählt zuerst die Grundversorgung – die Stärkung von Frauen kann warten

Frauen sind von Krisen häufig besonders betroffen, spielen aber auch eine wichtige Rolle bei deren Bewältigung. Bildung, Zugang zu Gesundheitsversorgung und wirtschaftlichen Ressourcen sowie Mitbestimmung stärken ihre Handlungsmöglichkeiten – und helfen Familien und Gemeinschaften, Krisen besser zu bewältigen.

Tschad: Warum Nothilfe lange Vorbereitung braucht

Als 2023 der Krieg im Sudan ausbrach und Hunderttausende Menschen in den benachbarten Tschad flohen, stiessen die ohnehin schwachen Gesundheitsstrukturen an ihre Grenzen. Gesundheitseinrichtungen waren überlastet, Fachpersonal fehlte. Besonders geflüchtete Frauen und Mädchen hatten kaum Zugang zu medizinischer Versorgung.
 

Women’s Hope arbeitet seit sieben Jahren mit der tschadischen Partnerorganisation BASE im Osten des Landes zusammen. Gemeinsam stärken wir die Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern. Dank dieser langjährigen Zusammenarbeit konnten wir rasch reagieren und Nothilfe für die geflüchteten Menschen aufbauen.
 

Wir stellten zusätzliche Fachpersonen ein, bauten einen Gebärsaal, errichteten Latrinen und verteilten Essen an Mütter und ihre Familien. Bis heute führen unsere Fachpersonen kostenlose Untersuchungen für Kinder durch. Gleichzeitig bauen wir die Gesundheitsinfrastruktur aus und stellen die kostenlose Gesundheitsversorgung in einem Flüchtlingslager sicher.

Baustellenszene
Bau eines neuen Operationssaals in Chokoyane, Tschad.
© BASE/WHI

Dass Hilfe schnell und gezielt ankommt, ist kein Zufall. BASE kennt die Bedürfnisse vor Ort, verfügt über gewachsene Netzwerke und geniesst das Vertrauen der Bevölkerung. Langjährige Präsenz und verlässliche Beziehungen schaffen die Grundlage dafür, auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Langfristig denken, flexibel handeln

Die Erfahrungen aus dem Tschad zeigen, weshalb Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. In einer akuten Krise braucht es schnelle Unterstützung. Damit diese wirksam geleistet werden kann, müssen Strukturen, Wissen und Beziehungen häufig schon vorher vorhanden sein.
 

Langfristige Zusammenarbeit bedeutet dabei nicht, an einmal gewählten Ansätzen festzuhalten. Sie muss auf Veränderungen reagieren und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.

Frauen und Kinder brauchen nicht nur Hilfe, wenn eine Krise ausbricht. Sie brauchen verlässliche Gesundheitsversorgung, Schutz und Perspektiven – auch dann, wenn eine Krise über Jahre andauert.
 

Wir schlagen Alarm!
Keine Frau sollte sterben, während sie Leben gibt.